29.06.2016

Marcel Beyer bekommt den Büchnerpreis 2016

 

Die Entscheidung für Marcel Beyer ist derart folgerichtig, dass sie schon wieder verblüfft. Schon der Roman "Flughunde" machte beim Lesen atemlos, so scharfsinnig und gleichzeitig poetisch ist die Beschreibung der Zeitläufte, die Diagnose der historischen Krankheit - aber auch ihre  Untersuchung auf das Modellhafte daran. Interessant, dass sich die Erzählung auf Akustisches konzentrierte, auf Stimmen. Die Beschreibung der Bombardierung Dresdens wiederum, im Roman "Kaltenburg", gehört zum Eindringlichsten, was man zu diesem Thema lesen kann - und bezieht sich vor allem auf Visuelles. Ich hoffe, die Schaufenster der Buchhandlungen werden in den nächsten Wochen und Monaten beyergefüllt sein - sie würden zu Offerten der Klugheit. 

 

Noch ein Geheimtipp

 

Von Marcel Beyers wunderbarem Roman „Kaltenburg“ gibt es ein Hörbuch. Es wurde 2008 vom Hoffmann und Campe Verlag produziert. Der Sprecher ist Bernd Geiling. Regie führte Brigitte Landes.

Bernd Geiling? 

Genau. Der Schauspieler vom Hans-Otto-Theater in Potsdam, der in „La cage aux folles“, „Kunst“ und „Peer Gynt“ Furore macht und neulich in Kleinmachnow zur Premiere aus meinem Roman „Septembermeer“ las. 

Im Jahr 2008 war Bernd Geiling noch am Schauspielhaus in Hannover engagiert – und ich leitete die Hörbuch-Abteilung bei Hoffmann und Campe. Bernd Geiling war ein etablierter Sprecher, er hatte für NDR Kultur und etliche Hörbücher bereits lange „Strecken“ aufgenommen. Trotzdem war es immer ein Abenteuer, arrivierte Autoren davon zu überzeugen, dass ihr Text noch besser von einem anderen Sprecher als ihnen selbst aufgenommen werden sollte. Und dass es nötig wäre, ihre Prosa-Texte zu kürzen, besser: einzurichten, so, wie man einen dramatischen Text ja auch für die Bühne einrichtet.

Mit den wirklich Großen aber war das letztlich nie ein Problem. Mit Peter Handke nicht („Gestern unterwegs“) und auch nicht mit Marcel Beyer.

Ich bin froh, dass wir damals „seine“ Stimme gefunden haben.

 

 

 

 

06.06.2016

Chet 2016

 

Lesung in einer Schule in Teltow. Ein Wagnis, denn ich weiß nur zu gut, wie man sich als 14-, 15jährige fühlt, eingesperrt in der Schule, mit ganz anderen Themen in Kopf und Bauch als mathematische Formeln, Genetik - oder Romanfiguren aus dem Nachkriegsberlin.

Aber Emmy hat es gewagt. Emmy Baer ist 14, meine Nachbarin, und sie schreibt selbst. Emmy hat ihre Facharbeit über einen meiner Romane geschrieben und muss diese nun vor einer 9. Klasse "verteidigen". Die Ansprüche an die Schüler sind gestiegen, stelle ich fest, zu meiner Zeit hielt man noch altmodisch Referate! Emmy jedenfalls hat mich dazu eingeladen, damit wir mit der Klasse über den Roman "Die Geliebte des Trompeters", die historische Figur des Trompeters Chet Baker und das Schreiben-an-sich reden können. 

Emmy macht das souverän, sie bezieht ihre Mitschüler und mich von Anfang an mit ein - und sie macht sich ihre eigenen Gedanken zur Literatur aus der Region. Auch die Mitschüler stellen, nachdem sich die erste Befangenheit gelegt hat (Huch! Eine fremde Autorin! Hilfe - Literatur!) einige - und sehr kluge Fragen. Auch die beiden Lehrerinnen machen mit, halten sich aber, wie ich finde, sehr angenehm im Hintergrund. Zwei, die ihren Schülern etwas zutrauen. Und das zu recht! 

 

Es gibt viele Schriftstellerkollegen, die Lesungen in Schulen gar nicht oder nur sehr ungern machen; ich gehöre nicht zu Ihnen. Es ist wahrlich eine aufregende Erfahrung, die eigenen Texte an Halbwüchsigen zu erproben - sie haben noch einen Rest der Ehrlichkeit bewahrt, die Kinder ausmacht. Gleichzeitig ist es für uns Autoren wichtig, das "Feeling", den Kontakt zu den Lesern von morgen zu behalten. Und wie so eine Generation "tickt", was sie ausmacht und was sie fürchten, das kann man in einer Schule gut beobachten.

 

Also: Jederzeit wieder! 

Roman: Die Geliebte des Trompeters. Bei dtv. 

 

 

14.02.2016

Minneapolis, Minnesota / 3.–8. Februar

 

In die USA gereist, um in Dokumenten der Familie Lehmann etwas über die Malerinnen von Hiddensee zu erfahren. Einige Kisten Material: Zeugnisse, amtliche Briefe und Behördenbescheinigungen, private Korrespondenz. Genug Arbeit für sechs Tage und mehr. Versüßt wird das Ganze von der berührenden Gastfreundschaft der Lehmanns. Wäre so etwas in Deutschland denkbar - dass mir nicht nur ein perfekt eingerichtetes Büro zur Verfügung gestellt, sondern auch ein mehr als komfortables Obdach geboten wird, einfach so, ohne viel Worte, ohne dass ich als Autorin hier vorher bekannt gewesen wäre?

 

So sitze ich nun täglich ab neun Uhr morgens am Schreibtisch, der einmal dem bedeutenden Geologen Ernest Lehmann gehört hat, einem Enkel der Malerin Henni Lehmann.

Was bald klar wird: Henni Lehmann war eine wichtige Aktivistin der Frauenbewegung, eine überzeugte Sozialdemokratin. Weiter links stehend, als ich bis dahin angenommen hatte - und weitaus mehr in der Öffentlichkeit präsent, als bisher belegt werden konnte. 

 

Von Minneapolis aus korrespondiere ich mit Archiven in Göttingen, Berlin und anderswo - und überall ist die Antwort rasch und präzise. In der Ferne ist der "Rückhalt" durch die nüchternen Dokumentaristen und Archivare in Deutschland geradezu körperlich spürbar. 

Es tut gut, mit diesen Profis der Nachlässe und heikelsten Zeugnisse zusammenzuarbeiten - ein Netzwerk der Unaufgeregten, das ich in den letzten Jahren zu schätzen lernte. 

 

Minneapolis selbst ist solch eine liebenswerte, leise Stadt! Die USA für Anfänger. Viele viktorianische Prachtvillen, aber auch manch bescheideneres Domizil, von Liebhabern der Architektur seit fünfzehn, zwanzig Jahren aufgekauft und meist aufwendig restauriert. Als ich anreise, ist Schneesturm, und die weißen Wattewolken auf den Boulevards und den Gehwegen betonen noch die Pastelltöne der Häuser: alles lindgrün und zartgelb und auch von einem tiefen Rosé. 

 

Die jüngere Generation der Lehmanns besteht darauf, dass ich auch einmal ausgehe: Einmal im Jahr verwandeln Künstler den Cedar-Lake vor der Haustür in eine Arena der Eisskulpturen. Nachts ziehen Tausende auf Schlittschuhen oder Langlaufskieren auf festgelegten Routen um den See. Die Route wird erleuchtet von einer Kette aus Lichtern, die in überdimensionalen Teelichten aus Eis flackern. Alle paar hundert Meter erheben sich imposante Eisskulpturen, sie leuchten sanft, während die Kerzen in ihrem Inneren die Pracht ganz langsam zum Schmelzen bringen. Die strahlende Vergänglichkeit feiern die Minnesotans mit heißer Schokolade -  und Rock, der die Eisfläche zum Beben bringt. Als Deutscher hätte man sich da vielleicht eher meditative Musik oder Glocken vorgestellt, irgendetwas Leises und Sanftes - vergiss es! Hier wird gerockt.

 

15.02.2016

Washington, USA / 9.-12. Februar

 

Sechs Tage später interviewe ich in Washington den letzten noch lebenden, direkten Nachfahren von Henni Lehmann. 

Es ist wie so oft: Der imposante alte Herr meint zunächst, sich "an so gut wie nichts" zu erinnern, aber dann strömen die Sätze.

 

Wolf Lehmann wurde 1921 geboren und musste schon 1933 mit seinen Eltern Deutschland verlassen. Nach einer Odyssee durch Frankreich und Italien gelang der Familie 1935 die Emigration in die USA - im Gepäck nicht viel mehr als die deutsche Sprache, die Last der Erinnerungen - und, was die Eltern betrifft, eine gründliche akademische Ausbildung.

Wolf Lehmann ging zur US Army, kehrte als junger Soldat nach Europa zurück und bewährte sich als "Interrogator" der US-Army so gut, dass er rasch befördert wurde und zum State Department wechselte. Hier blieb er, zuständig für Sicherheit, arbeitete im diplomatischen Dienst - und war der letzte US-Gesandte, der Saigon verließ. Die Bilder vom abdrehenden US-Hubschrauber gingen um die Welt.

 

Und diesen selbstbewussten, alten Herrn, einen Gentleman der alten Schule, scharfzüngig, ironisch, diszipliniert - den sollte ich an die schmerzliche deutsche Vergangenheit erinnern? An Henni Lehmann, die Großmutter, eine politische Aktivistin, deren Bedeutung immer klarer zutage tritt, die sich 1937 zutiefst enttäuscht von Deutschland, krebskrank, ohne die Aussicht auf menschenwürdige Behandlung das Leben nahm?

 

Es war kein Trost, Wolf Lehmann und seine kapriziöse Frau Odette in besten äußeren Umständen, nämlich in einem noblen Wohnheim für Senioren zu erleben. Hervorragender Service in großzügigem Ambiente können vielleicht das Alter in gewisser Weise bequemer machen - wirkliche Erleichterung schaffen kann auch das Ingleside nicht. Die Last der Erinnerung ist zu groß. Und die wahre Kunst der wissenschaftlichen Recherche bestünde hier vielleicht darin, auf nüchterne Weise präzise und mit Ruhe zu forschen, so dass auf eine diskrete Weise Anteilnahme möglich ist. Anteilnahme, die Abstand hält - aus Respekt vor dem Leben und der so anderen Erfahrung. 

 

 

22.01.2016

... und wir schaffen das!

Die meisten kenne ich gar nicht. Ich habe nur ihre Bilder gesehen. Im Fernsehen zunächst, in den Zeitungen: Flüchtlinge. Aber dann waren sie da. Erst einzelne: im Zug nach Kopenhagen, am Straßenrand, in den Bahnhöfen. Erst wenige, dann immer mehr. Junge Männer, Alte, Familien mit kleinen Kindern und viel zu schweren Plastiksäcken. Schaffen wir das? 

Im Berliner Hauptbahnhof sah ich abends um zehn einen Obdachlosen zögernd auf eine Bank zugehen. Es war „seine“ Bank, begriff ich, der Mann wollte sich dort zum Schlafen hinlegen. Auf der Bank hockte aber bereits eine syrische Familie: Vater, Mutter, ein paar müde, kleine Kinder, ein junger Mann dazu. Der Obdachlose blieb stehen, wartete. Ich ging weiter, holte mir einen Kaffee. Beim Zurückgehen sah ich: Der Obdachlose und die Familie hatten sich arrangiert: Sie saßen Rücken an Rücken. Eine Thermoskanne, wahrscheinlich mit Tee, machte die Runde. 

Ja, Frau Merkel, wir schaffen das! 

 

 

30.12.2015

2015 - schon vorbei? 2016 - gleich da?

 

Wir hängen an der Illusion vom Neuanfang. Vom neuen Jahr, das makellos wie ein frisch gestärktes weißes Tischtuch auf eine feine Tafel aufgebracht wird. Dabei weiß ich aus Erfahrung: Ich bin garantiert die erste, die mit der Tomatensuppe kleckert, den Löffel schuldbewusst im Mund. Das kann ja heiter werden! 

 

Ich ziehe ins neue Jahr, so wie eine Eisenbahn in eine benachbarte Gegend zieht. Ja, sie zieht: eine Menge unterschiedlich beladener Waggons hinter sich her. Die Waggons, das sind in meiner Vorstellung die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Zuallererst: Begegnungen mit Menschen.

 

 

 

 

21.12.2015

Drei aus 49

Viele tolle Büchern habe ich gelesen, in diesem Jahr. Manche haben mich berührt - drei davon besonders! Also lesen - auch in 2016!

 

> "Gehen, ging, gegangen" von Jenny Erpenbeck

Ich habe sie für NDR Kultur, Klassik à la carte, interviewt. Wir trafen uns, weil beide chronische Zufrühkommerinnen, eine halbe Stunde vor Beginn der Aufzeichnung in einem Café am Spreeufer.  Zufällig. Und zufällig wählten wir dasselbe Getränk. Das Gelächter darüber befreite uns, glaube ich, beide. Wie gut, wenn man Menschen begegnet, bevor man sie treffen muss! 

Wichtiger jedoch als diese klitzekleine Erkenntnis am Rande waren die Erkenntnisse, die ich aus ihrem Buch gewinnen durfte: „Gehen, ging, gegangen“. Für mich das Buch des Jahres.

Zufall, dass es zur Zeit der sich aufbauenden Flüchtlingswelle erschien.

Kein Zufall, wenn eine Autorin beizeiten – in diesem Fall: vor zwei Jahren – schon spürt, was in der Gesellschaft virulent ist. Diese gesellschaftliche Sensibilität macht Jenny Erpenbeck einzigartig. 

(Die meisten als sensibel gepriesenen Autoren sind bloß sensibel für sich selbst). 

Was Jenny Erpenbeck über die Flüchtlinge vom Oranienplatz schreibt und wie sie ihre Hauptfigur, einen leicht schrulligen, gar nicht mal sympathischen Professor, sich allmählich öffnen und innerlich weiten lässt – das ist ein Lese-Erlebnis, das man gern auch mal wiederholt. Nochmals lesen also in 2016!

 

> "Sommerregen der Liebe" von Sigrid Damm

Sigrid Damm kenne ich seit ungefähr 2000. Das weiß ich, weil sie in meinem ersten Roman, der „Ostseeliebe“, vorkommt, sogar mit Klarnamen. Das hatte ich fast vergessen, aber nun musste ich mein eigenes, erstes Buch nochmals lesen, weil es für eine neue Ausgabe auch neu gesetzt wurde. 

Sigrid Damm steht für mich für literarische "Schönheit". Die Autorin Sigrid Damm lebt es vor. In ihrem Wesen und in ihren Büchern. Gerade ist von ihr „Sommerregen der Liebe“ erschienen, und wenn diese Recherche über Goethes Liebe zu Charlotte von Stein „aus Versehen“ auch ein paar Schmonzens-Liebhaber kaufen – umso besser! Sie werden, wahrscheinlich vom etwas süßen Titel verführt -  der übrigens von Goethe stammt, - mit herrlicher Literatur und genauester Recherche konfrontiert. Sigrid Damm hat in der deutschsprachigen Literatur einige Nachahmer oder Schüler gefunden, etwa den knorrigen Ulrich Schacht, der bei der aktuellen Runde der „LiteraTour Nord“ mitmacht. Sie bleibt aber unerreicht.   

 

> "Auflaufend Wasser" von Astrid Dehe und Achim Engstler

Wie können nur zwei Menschen ein Buch so perfekt schreiben?
 Das ist dem Autorenpaar, das auch noch durch zweihundert Kilometer Entfernung getrennt lebt, mit der Novelle „Auflaufend Wasser“ (2013, Steidl) gelungen. Ich kenne niemanden, der dieses Buch liest und nicht zutiefst erschüttert und erfreut ist. 

Nun haben die beiden den ersten Teil einer Tetralogie veröffentlicht. Ja, Tetralogie, das muss nachgeschlagen werden: Vierbändiges Werk. Also ein Quartett-Buch, sozusagen. Indem geht es um das legendäre Voynich-Manuskript, ein  Buch-Bild-Kompendium, dessen Inhalt noch immer nicht enträtselt werden konnte. Dehe / Engstler bieten poetische Lösungen an, also die einzig gültigen und erzählen nebenbei bezaubernde Geschichten aus dem Florenz der Renaissance. Vor lauter Begeisterung habe ich mich mit den beiden angefreundet, insofern darf hier auch das Foto einer privaten Feier stehen, die wir für die beiden veranstaltet haben. Die Überraschung war ganz gut gelungen ...

 

Nicht viel Zeit zur Vorbereitung ihrer Überraschungslesung blieben Astrid Dehe (l.) und Achim Engstler (r.) Foto: privat
06.07.2016 

Jaskulla liest ...

... aus ihrem neuen Roman "Septembermeer" - vielleicht auch bald in Ihrer Nähe.

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29.12.2015 

Clara Arnheim - Informationen gesucht!

Die Berliner Malerin starb 1942 in Theresienstadt

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© 2016 Gabriela Jaskulla